Weniger Stress, mehr Verständnis
Praxistag am Biohof Hochwallner für einen stressarmen Umgang mit Weidevieh
Nachbericht: Wenn wir verstehen, wie Rinder ticken, kann das Verladen und Aussondern für die Tiere stressarm funktionieren. Manuel Winter, Spezialist für Low Stress Stockmanship, und Lukas Hochwallner zeigten wie es geht.

Stressarmes Weidemanagement. Wie lassen sich Rinder stressfrei treiben, zusammenführen und separieren? Und was braucht es, damit Tiere freiwillig mitarbeiten, statt unter Druck gesetzt zu werden? Diesen Fragen widmeten sich zehn Bäuerinnen und Bauern am 30. Oktober 2026 beim Praxistag am Biohof Hochwallner in Bad Traunstein. Mit Manuel Winter von Change Grazing, Experte für Weidemanagement und stressarmen Umgang mit Rindern (Effective Stockmanship), lernten sie eine Arbeitsweise kennen, die auf Verständnis für das Verhalten der Tiere statt auf Kraft, Stockeinsatz und Zwang setzt.
Nach einer theoretischen Einführung ging es hinaus auf die Weide. Dort konnten die Teilnehmenden unmittelbar beobachten, wie stressarmes Treiben und das gezielte Separieren einzelner Tiere in der Praxis funktionieren. Es wurde sichtbar, wie viel sich verändert, wenn man beginnt, die Welt aus der Perspektive der Rinder zu betrachten.
Nicht das Tier muss sich ändern. Wir müssen es verstehen.
So ruhig kann Kälber separieren funktionieren: nur mit Körpersprache und dem Wissen von Balancepunkten und dem Wechselspiel von Druckaufbau und -abbau.
Eine zentrale Erkenntnis von Manuel Winter: Rinder reagieren vor allem auf unsere Körpersprache, unsere Position und den Druck, den wir auf sie ausüben. Als Fluchttiere beobachten sie ihre Umgebung ständig. Ein direkter Blick, eine frontale Annäherung oder eine unpassende Bewegung können bereits als Bedrohung wahrgenommen werden.
Wer Rinder führen möchte, muss deshalb lernen, ihre Wahrnehmung zu verstehen. Wo befindet sich ihr Balancepunkt? In welche Richtung üben wir Druck aus? Wann braucht das Tier Raum? Und vor allem: Wann müssen wir den Druck wieder wegnehmen?
Denn das Grundprinzip des Low Stress Stockmanship ist einfach, aber wirkungsvoll: Gezielt und punktgenau Druck aufbauen – und ihn genau dort wieder wegnehmen, wo das Tier das gewünschte Verhalten zeigt.
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Wer Rinder führen möchte, muss deshalb lernen, ihre Wahrnehmung zu verstehen. Wo befindet sich ihr Balancepunkt? In welche Richtung üben wir Druck aus? Wann braucht das Tier Raum? Und vor allem: Wann müssen wir den Druck wieder wegnehmen?
Denn das Grundprinzip des Low Stress Stockmanship ist einfach, aber wirkungsvoll: Gezielt und punktgenau Druck aufbauen – und ihn genau dort wieder wegnehmen, wo das Tier das gewünschte Verhalten zeigt.

So lernt das Rind, selbst den richtigen Weg zu wählen. Es wird nicht irgendwohin gezwungen, sondern entscheidet sich für den Weg, auf dem es wieder Ruhe hat.
Dafür braucht es Beobachtung, Timing und Übung. Und die Fähigkeit, etwas wichtiges zu unterscheiden: ein ruhig wirkendes Tier bedeutet nicht automatisch, dass es gerade keinen Stress hat. Auch ein äußerlich ruhiges Tier kann sogar unter erheblichem Stress stehen - und umgekehrt. Entscheidend ist wie wir dem Tier umgehen.
"Wir dürfen die Kuh, die wir aussortieren wollen, nicht anschauen. Sonst läuft sie weg. Wir müssen die anderen von ihr isolieren."
Vertrauen statt Zwang – auch beim Verladen
Besonders deutlich wird das beim Verladen in den Transportanhänger. Statt Tiere mit Druck, Lärm und körperlichem Zwang hinaufzutreiben, können sie schrittweise daran gewöhnt werden, selbstständig einzusteigen.
Manuel Winter zeigte, wie wichtig es ist, den Tieren Zeit zu geben, ihnen Wahlmöglichkeiten zu lassen und den Anhänger als einen Ort erfahrbar zu machen, an dem sie Ruhe finden. Der Druck wird dabei nicht durch mehr Kraft erhöht, sondern so eingesetzt, dass das Tier selbst den gewünschten Weg findet.
Durch viel Druck auf der Weide wird das Kuhtaxi zum druckfreien Raum - und die Tiere wollen freiwillig dort sein, wo es ruhig und entspannt ist.
Auch die richtige Position des Menschen, das Erkennen des sogenannten toten Winkels und das Wissen um die Bewegungs- und Balancezonen der Rinder spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Das Ergebnis ist nicht nur weniger Stress für die Tiere. Es bedeutet auch mehr Sicherheit für die Menschen. Denn viele Unfälle im Umgang mit Rindern entstehen gerade dort, wo Tiere sich bedrängt fühlen und unkontrolliert reagieren.


Tierwohl hört nicht an der Stalltüre auf
Für die BBV und NaHtürlichBIO ist dieser Praxistag Teil einer größeren Überzeugung: Es geht darum zu zeigen, dass es auch anders geht.
Bio beginnt bei der verpflichtenden Bio-Weidehaltung, die den Rindern Bewegung, Sozialkontakte und ein artgerechteres Leben ermöglicht. Es setzt sich fort im respektvollen, stressarmen Umgang mit den Tieren – beim Treiben auf der Weide, beim Verladen in den Anhänger oder beim Transport. Und es endet im besten Fall in einer möglichst stressfreien Schlachtung.
Denn Tierwohl darf nicht an der Stalltüre enden. Es muss durchgängig gelebt werden – vom ersten Tag auf der Weide bis zum letzten Weg des Tieres. Für ein Bio, das weitergeht.
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