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26. Oktober 2026

Gemüse ohne Maschinen und Weltreise

Biointensiv und investitionsextensiv

Vor den Toren Wiens produzieren die „Dirndln am Feld“ auf kleinstem Raum Fülle und Vielfalt an saisonalem Bio-Gemüse – wie die Marktgärtnereien im Paris des 19. Jahrhunderts.

Erdige Hände. Sarah Schmolmüller, Gründerin der Dirndln am Feld, kommt als Quereinsteigerin zur Landwirtschaft. Aufgewachsen in Linz „mit viel Beton und wenig grün“, führt sie der Weg über den Tourismus zum Umweltressourcenmanagement. Auf der Suche nach einem Ausgleich zum Bürojob taucht der Kindheitstraum vom Bauernhof wieder auf. Nach ein paar Praktika in Gemüsegärtnereien wurde es schließlich 2020 ein 30x75 Meter großer biozertifizierter Acker in Kirchberg am Wagram.  

Mit Erde an den Händen, Sonne im Gesicht, Leidenschaft und partnerschaftlicher Logistik verwandelte sie den Acker in eine „Marktgärtnerei“ - nach dem historischen Prinzip des „Market Gardening“ in Paris des 19. Jahrhunderts: Auf kleinsten Flächen bis einem Hektar und unter Verzicht von großen Maschinen, Pestiziden und Kunstdünger wird vor den Toren der Großstadt ganzjährig eine enorme Gemüsevielfalt und Qualität für die Ernährung der Großstadt hervorgebracht. 

„Das ist nicht ein Ort der Produktion, sondern ein Ort der Begegung“

Sarah Schmolmüller, Dirndln am Feld

50 Wochen im Jahr Gemüse

„Stell dir Urli-Omas-Bauerngarten vor – und das Ganze größer skaliert und professioneller.“  Dafür genauso investitionsextensiv, weil alles mit der Hand gemacht wird, ohne größere Maschinen, künstliches Licht oder Beheizung der Folientunnel. Also ohne große Investitionen. Dafür aber biointensiv: hohe Produktivität auf kleiner Fläche mit Humusaufbau, Kreislaufwirtschaft, Bodenruhe durch Dammkultur – und ohne CO2-Emissionen. Sarah: „Wir sind genau das Gegenteil von industrieller Intensivlandwirtschaft“  

Vielfalt als Antwort auf den Klimawandel

Auf einem Hektar kultivieren die Dirndln 60 verschiedene Kulturen und über 300 Sorten „Bei uns existiert keimendes, wachsendes, fruchtendes, verwelkendes Gemüse gleichzeitig – ein lebendiges Mosaik im permanenten Kreislauf des Lebens. " 

Anfangs verkaufte Sarah am Kirchberger Naschmarkt. Heute beliefert das Team die Wiener Spitzengastronomie. 50 Wochen im Jahr. Zudem gibt es jeden Mittwoch Gemüsekisterl vor Ort zur Selbstabholung. 

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Der Boden als Partner

Die Dammkultur nach Turiel verzichtet auf die Bearbeitung mit Fräse oder Kreiselegge - und damit auf das "Erdebeben" für die Bodenbewohner.

Zentraler Baustein der Bio-Marktgärtnerei ist die Dammkultur nach Turiel – ein alte spanische Methode: der Boden wird nicht zerfurcht, sondern es werden 10 cm hohe Dämme angehäufelt, die über Jahre unberührt bleiben. Und oben auf sitzen die Pflanzen.  

Der Damm sorgt für: 

  • Sonne und Schatten im Wechsel 
  • Durchlüftung durch Berg- und Talwinde 
  • Kapillaren Wasseraufstieg 
  • während die Pflanze trocken steht 

“Ich möchte Gemüseanbau für Menschen wieder erleb- und spürbar machen.”

Sarah Schmolmüller, Dirndln am Feld

Sarah beschreibt es so: „Pflügen oder fräsen ist für die Bodenbewohner wie ein Erdbeben – sie sie sind ständig damit beschäftigt, ihre Häuser wieder aufzubauen, statt miteinander in Kommunikation zu treten“ Die Dammkultur schafft Ruhe und Gemeinschaftsleben im Boden. Und damit Fruchtbarkeit.  

Zudem liefert der Standort am Fuße des Wagrams nährstoffreichem Lössboden, der Wasser hervorragend speichert. 

Handarbeitsmodell

Gärtnern ist körperlich anspruchsvoll: säen, pflanzen, hacken, ernten. „Ich hasse Maschinen. Der Lärm ist anstrengend und ich will sie nicht reparieren. Deine Hände hingegen hast du immer bei dir“. 

Doch Hände brauchen Menschen. Und Menschen kosten Geld. Die Dirndln haben ein Modell gefunden, das funktioniert: „Die meisten Mitarbeitenden haben in Wien einen 3- oder 4-Tages-Job und einmal die Woche fahren sie aufs Land und arbeiten hier geringfügig. Und sie bleiben über Jahre.“ Weil es ihnen guttut und der Marktgärtnerei auch. 

Handarbeit braucht Hände. Die Dirndln am Feld haben ein Modell gefunden, bei dem sich Bürojobs in der Stadt und Feldarbeit am Land gut ergänzen. 

Kampf mit dem Unkraut

Ein Hohelied den Beikräutern singt Sarah nicht. Sie werden geduldet, um den Boden offen zu halten – bis sie beginnen sich auszusamen. Dann müssen sie weg. „Das dupliziert sich ja irre. Nicht lustig, dieses Unkraut, nicht lustig.” Sie sind eine Konkurrenz zur Kulturpflanze in Sachen Wasser, Licht, Nährstoffe und Platz. 

Leguminosen hingegen – Lupinen, Luzernen, Buschbohnen, Erbsen – sind wertvolle Partner. Sie binden Stickstoff aus der Erde über Knöllchenbakterien und regenerieren so den Boden nach Starkzehrern.  

Pflanzenschutz ist bei Sarah häufig nötig, viel häufiger als konventionelle Betriebe, weil die Mittel biologisch sind: z.B. Neemöl oder Neudosan (Schmierseife) gegen Läuse.  

Ein Ort der Begegnung

Dirndln am Feld ist mehr als ein Produktionsort. Sarah zeigt uns ihre Chill-out-Plätze, die Freiluftküche, den Wohnwagen – ihre Sommerresidenz, die sie geschaffen hat. „Hier fühl ich mich zu Hause“.  

Und sie teilt diesen Ort:   
-Jungpflanzenbrunch zum Muttertag 
-Dinnermenüs 
-Picknicks 
-Workshops 
-Bio-Austria-Kurse 
-wissenschaftlich Exkursionen aus ganz Europa 
-ein kleines Festival am 10. Oktober 2026 mit 400 geplanten Gästen.  

“Damit möchte ich Bio-Gemüseanbau und Lebensmittelproduktion für Menschen wieder erlebbar und spürbar machen”.  

 

Videos (c) Volkmar Geiblinger / www.trilight.eu

Was ist Marktgärtnerei?  


Eine kleinstrukturierte, biointensive Form des Gemüsebaus auf maximal 1 ha Fläche – ohne große Maschinen, dafür mit ausgeklügelten Kreisläufen und Kompostwirtschaft.

Entstanden im Paris des 19. Jahrhunderts, wo sogenannte Maraîchers auf winzigen Parzellen enorme Mengen an Gemüse vor den Toren der Stadt produzierten. Frisch, saisonal, regional. 

Grundprinzipien 

  • Handarbeit statt Maschinen – geringe Investitionen, keine Bodenverdichtung, keine CO₂‑Emissionen. 
  • Biointensiv – hohe Produktivität auf kleiner Fläche, gleichzeitig Humusaufbau ohne Pestizide und Kunstdünger
  • Saisonal & regional – Produktion im Rhythmus der Natur, ohne künstliches Licht oder Beheizung. 
  • Vielfalt – viele Kulturen gleichzeitig, als Schutz vor Ernteausfällen und als Antwort auf den Klimawandel. 
  • Kreislaufwirtschaft – Kompost, Gründüngung, Leguminosen.
  • Bodenruhe – z. B. durch die Dammkultur nach Turiel, bei der der Boden über Jahre ungestört bleibt. 

Marktgärtnereien sind ein Zukunftsmodell für regionale Versorgung: unabhängig, resilient, ökologisch – mit kurzen Wegen zur städtischen Gastronomie.  

Videos (c) Volkmar Geiblinger / www.trilight.eu

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