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10. September 2026

Die Kuh ist ein Zukunftstier

- kein Auslaufmodell

Die Kuh hat ein Imageproblem. Während über ihr Methan gestritten wird, gerät in Vergessenheit, dass sie seit Millionen von Jahren eine der wichtigsten Landschaftsgestalterinnen dieses Planeten ist – und bis heute das einzige Tier, das aus Gras hochwertige Lebensmittel machen kann. Ein Gespräch mit Bio-Grünlandforscher Dr. Walter Starz über Selfmade-Muhs, Alchimistinnen und Mikrobiom-Ikonen. 

NahtürlichBio: Herr Starz, viele sagen, die Kuh sei ein Klimaproblem. Sie widersprechen. Warum? 

Walter Starz: Weil es ein Blödsinn ist. Ohne Wiederkäuer können wir die Menschheit nicht ernähren. 70 Prozent der weltweiten Agrarflächen sind Dauergrünland, Flächen, auf denen kein Ackerbau sinnvoll möglich ist. Die gilt es zu nutzen, statt auf dem Acker Tierfutter anzubauen. Denn wir können die Flächen nicht direkt nutzen, aber die Kuh kann es. 

NahtürlichBIO: Weil sie Gras in Nahrung verwandelt? 

Starz: Die Kuh ist eines der wenigen Tiere, das aus Gras Eiweiß machen kann in Form von Milch und Fleisch (neben Schafen, Ziegen, Rehe, Pferde...). Sie erntet ihr Futter auf der Weide selbst - ohne zusätzlichen Energieaufwand, ohne Maschinen, ohne Diesel etc. und völlig ohne Ernteverluste. Und sie düngt diese auch gleich noch – damit sie auch in 10 Jahren noch Vielfalt zu Fressen hat.  

“Es ist ein Blödsinn, dass der Wiederkäuer das Klima zerstört.”

Dr. Walter Starz leitet die Abteilung für Bio-Grünland und -Ackerbau an der HBLFA Raumberg‑Gumpenstein.

NahtürlichBIO: Was macht die Kuh so wertvoll für unsere Wiesen und Weiden? 

Starz: Kühe fressen nicht einfach nur Pflanzen auf der Weide, sie kultivieren diese. Wiederkäuer zeigen ein Buffetverhalten: Zuerst ist immer das weg, was am besten schmeckt – die Spitzen. Sie sind zuckerreich und schmackhaft. Dann erst arbeiten sie sich langsam nach unten vor. Die Pflanze wiederum versucht, dem Verbiss auszuweichen, indem sie die Blätter flach am Boden austreibt. So entsteht ein grüner, dichter Teppich, der den Boden beschattet und vor Austrocknung schützt. Sofern die Tiere nur begrenzte Zeit auf einer Fläche bleiben, damit sie sich wieder erholen kann.  

NahtürlichBIO: Eine Kulturtechnik der Natur… 

Starz: Weidehaltung ist die natürlichste Lebensform für Rinder. Seit fünf Millionen Jahren tun Wiederkäuer – damals noch Wiesente und Auerochsen - auf unserem Planeten nichts anderes als Gras verwerten. Und seit Millionen von Jahren verhindern sie, dass Landschaften verbuschen und halten die Flächen offen, bringen organischen Dünger ein und sorgen so dafür, dass wertvolles Grünland überhaupt entsteht – denn es entsteht nur durch natürliche Beweidung, nicht durch Mähen. Wir können froh sein, dass die Kuh Gras so gut verträgt 😊.  

NahtürlichBIO: Also ein evolutionär entwickeltes System 

Starz: Aber eines zwischen Tier, Boden UND Mensch. Denn aus der Mikrobiom-Forschung wissen wir, dass alles im Boden in die Pflanzen wandert, die das Tier frisst - und schließlich in Milch und Fleisch auf unserem Teller. Unsere eigenes Mikrobiom wurde so geprägt. Eine Störung gilt sogar als maßgeblicher Auslöser vieler Allergien. Wir Menschen sind angepasst an das System Nutztier-Ackerbau-Viehzucht. Es hat sich bewährt.  

NahtürlichBIO: Und was ist mit dem Methan?  

Starz: Methan von Rind hat in der Atmosphäre eine Halbwertszeit von 12 Jahren und wird dann wieder in den natürlichen Kohlenstoffkreislauf eingebunden. D.h. es gelangt in das Wachstum der Pflanzen zurück, die die Kuh wieder frisst. Dieses Methan ist Teil eines Kreislaufs und ist kein zusätzliches Gas, das dauerhaft in der Atmosphäre bleibt. Die viel größere Klima-Belastung stammt aus Futtermittelproduktion, -import und Kunstdünger. Überall dort, wo Tiere nicht auf der Weide gehalten werden. Hier braucht es eine sachliche Diskussion.  

“Ohne Kuh werden wir es nicht schaffen, die Menschheit zu ernähren.”

Dr. Walter Starz, Forscher im Bereich Bio-Grünland und -Ackerbau an der HBLFA Raumberg‑Gumpenstein
Starz ist einer der profiliertesten Experten Österreichs im Bereich Weidehaltung. Er bricht eine Lanze für den Wiederkäuer, der in den Medien ein falsches Image bekommen hat, das fachlich nicht stimmt.
Und hier gibt's noch einen Podcast mit Walter Starz zur Vertiefung. Prädikat "sehr hörenswert".

NahtürlichBIO: Die Kuh von der Speisekarte zu streichen ist also nicht die Lösung? 

Starz: Im Gegenteil. Es sollte sogar mehr Rindfleisch auf die Speisekarte, aber Bio! Die biologische Landwirtschaft ist flächengebunden. D.h. ein Betrieb darf nur so viele Tiere halten, wie die eigenen Weideflächen an Futter hergeben und mit dem eigenen Mist gedüngt werden können. Mehr Biofleisch bedeutet also weniger Rinder pro Quadratmeter - unter weitaus besseren Haltungsbedingungen. Wer Biofleisch kauft, unterstützt damit eine Produktionsform, die kleinstrukturiert ist, die Landschaft erhält und Kreisläufe respektiert.

NahtürlichBIO: Inzwischen wird die Kuh sogar zur Revitalisierung im Ackerbau wiederentdeckt. Wie das?   

Starz: Die Beweidung wird zunehmend als Teil der Fruchtfolge genutzt. Nach der Getreideernte werden Weidegrasmischungen angesät, die das Bodenleben aktivieren und Humus aufbauen. Die Tiere weiden das Gras im Frühjahr ab, bringen organischen Dünger direkt auf die Fläche und schaffen eine Mulchschicht aus niedergetretenen Pflanzen für den Getreideanbau im Sommer. Das nennt man “Ackerweide”. So wird aus ausgelaugten Feldern wieder vitaler Boden – ohne Kunstdünger, ohne Maschinen. Das ist regenerative Landwirtschaft. Und ohne Wiederkäuer funktioniert sie nicht.

Eine sinnvolle, nachhaltige Landwirtschaft ist ohne den Wiederkäuer nicht möglich.

NahtürlichBIO: Da wird sich der Bauern freuen, wenn wir ihm die Kuhherde aufs Feld schicken… 

Starz (lacht): Wenns ein Biobauer ist, vermutlich schon. Denn das belebt seinen Boden. Und wir Biobauern dürfen, sollen, ja müssen in Kreisläufen denken.  

NahtürlichBIO: Ihr Schlusswort? 

Starz: Wiederkäuer werden essenziell sein für die zukünftige nachhaltige Landwirtschaft – weltweit. Sie sind eine tragende Säule eines funktionierenden Ernährungssystems. Ihr schlechter Ruf sollte der Vergangenheit angehören. Ohne Wiederkäuer kann man keine sinnvolle, nachhaltige Landwirtschaft machen. Sie verwerten Futter, das nur sie verwerten können, und liefern Ausscheidungen, die unsere Böden fruchtbar und gesund halten. Die Kuh ist – und bleibt – ein Zukunftstier.

Alle Bio-Wiederkäuer müssen raus! Alle.

 

Seit 2022 ist die Weidehaltung in der österreichischen und der EU-Bio-Verordnung europaweit für alle Mitgliedsstaaten als Verpflichtung festgeschrieben:

Von April bis Oktober müssen alle Pflanzenfresser Zugang zur Weide haben (Rinder, Ziegen, Schafe.., auch Milchkühe) - außer Wetter, Boden oder Tiergesundheit sprechen dagegen. Im Winter gibt es keine Pflicht. 

Bei konventioneller Tierhaltung gibt es keinen verpflichtenden Weidegang und keinen verpflichtenden Auslauf. Die Türe müssen ihr ganzes Leben im Stall stehen. 

Buchtipp

“Die Kuh ist kein Klimakiller - Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können”

Autor: Anita Idel

“Die Kuh ist nicht der Klimakiller: Warum regenerative Weidewirtschaft der Schlüssel für unsere Gesundheit und das Klima ist"

Autor: Thomas Higeli

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