Zwischen Angsthase und Ackerboden
Weil hinter jedem Lebensmittel „Leben“ steckt
58 Milchkühe ohne Wasser, Samstage ohne Party, Bodenexperimente für die Zukunft. Das ist der unsichtbare Alltag am Biohof Haselmann, von dem ihre Milch nichts erzählt – weil es keiner weiß. Johanna zeigt auf, was Landwirtschaft bedeutet.

Feldexperimente. Johanna Haselmann war Volksschullehrerin als sie Josef und den elterlichen Hof kennenlernte. Landwirtschaft war für sie fremdes Terrain, ein Leben, das sie erst verstehen musste. Sie half mit, stellte Fragen, lernte – und merkte schnell, wie wenig man über die bäuerliche Herstellung von Bio-Lebensmitteln heute weiß. Nicht nur in Bezug auf Technik, Maschinen und Know-how, sondern was es überhaupt bedeutet, Landwirt zu sein, die Abläufe, die Gedanken, die Haltung, die dahintersteht.
Alltag, wenn andere feiern
Am Biohof Haselmann gibt es eine Regel: Die Tiere kommen zuerst. Immer. Geburtstag, Feste, ein Sommertag am See – alles möglich, aber erst, wenn die 58 Milchkühe plus Nachzucht versorgt sind. Denn Tiere richten sich nicht nach dem Kalender, sondern nach der Natur. Ein Alltag, der für Konsument:innen unsichtbar bleibt. Weil Fleisch im Karton und Butter im Block kommen – ohne die 365 Tage dahinter am Hof.

"Ich kann das eh alles"
Der Einstieg in die Landwirtschaft war für Johanna ein Weg voller Überwindungen. Das erste Mal Traktorfahren? Ein Alptraum. Steiles Gelände. Riesige Maschinen. Die Angst mit dem vollgeladenen Strohballen-Anhänger durch die Unterführung zu passen. Josef fuhr anfangs hinter ihr her, das Telefon auf Lautsprecher, damit er ihr sagen konnte, wo sie durchpasst. Heute fährt sie sicher. “Ich bin ein kleiner Angsthase. Aber man wächst hinein”, sagt sie “und irgendwann merkt man: Ich kann das eh alles“.
"Viele Konsument:innen haben den Bezug zur Landwirtschaft verloren. Sie wissen nicht mehr, wo unser Essen herkommt, wie das alles funktioniert, was alles dahintersteht."
Wilde Felder
Der Haselmann-Hof produziert nicht nur Milch, sondern auch das Futter für die eigenen Tiere. Bereits Josefs Vater arbeitete schon pfluglos – stattdessen mit Mulchsaat: Der Boden bleibt weitgehend unbearbeitet, die Ernterückstände bleiben als Schutzmantel oben liegen und werden nicht eingearbeitet. „Unser Acker sieht immer ein wenig wild aus“, sagt Johanna, aber genau das macht ihn widerstandsfähig gegen Hitze und Unwetter.
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Die Umstellung begann nach einem Starkregenereignis, das hüfttiefe Furchen im Feld ausgeschwemmt hat. Das war der Moment, als Josefs Papa klar wurde: so kann es nicht weiter gehen - es braucht Bodenschutz und Umdenken.


Durstiger Kukuruz
Johanna zeigt uns ein Kukuruz-Feld: Die Pflanze ist klein, die Blätter eingerollt, sie hat Durst. Es hat seit Wochen nicht mehr geregnet. Daneben ihr Feld mit Bio-Mulchsaat: Der Kukuruz ist größer als der andere, die Blätter aufrecht gerade und wenn man mit dem Finger ein wenig in die Erde bohrt: Feuchte. Denn der nahezu unbearbeitete Boden mit seinen Mulchresten als Beschattung speichert einfach besser.
Zwischen den Maisreihen stehen inzwischen Erosionsschutzstreifen: bodenbedeckende Begrünungsstreifen, die den Boden offenhalten, damit das Wasser nicht wie damals ungebremst zwischen den trockenen Maisreihen abrinnt, sondern einsickert. Falls es heuer noch einmal regnen sollte....
Zukunftsoptionen für unsere Äcker
Mulchsaat: Der Boden wird nur minimal mit dem Striegel bearbeitet und die Saat in kleine Ritzen gelegt. Erntereste bleiben als Schutz und Schattenspender liegen.
Direktsaat: Der Boden bleibt komplett unbearbeitet, die Erntereste werden nur gewalzt und das Korn in Ritzen direkt in die Ernterückstände gelegt.
Vorteile:
- Maximaler Erosions- und Hitzeschutz
- Maximale Bodenruhe
- Humusaufbau
- Maximale Wasserspeicherfähigkeit
- Bis zu 90% weniger Dieselverbrauch als Pflug
Experimente für die Zukunft
"Viele glauben, Bio sei einfach „weniger Chemie“. In Wahrheit ist es viel mehr Arbeit.” Und viel mehr Überlegen, Abwägen, Entscheiden. Und jede Entscheidung hat Folgen: Für den Boden, für die Tiere, für die Qualität der Lebensmittel, für die Zukunft des Betriebs.
Die nächsten 10-15 Jahre wollen Josef und Johanna die Chance nutzen, auszuprobieren, wie man mit dem Klimawandel und der Trockenheit zurechtkommt. Damit es, wenn es heikel wird, Flächen gibt, die den Wetterextremen standhalten. Im Frühling haben sie auf einem Teilstück mit der Direktsaat experimentiert - dabei wird das Korn direkt in die gewalzten Erntereste gelegt. Leider konnten die Nährstoffe der Gülle durch den Regenausfall nicht in die Pflanze gelangen, sodass dieser Feldversuch heuer gescheitert ist. "Ausprobieren können wir natürlich nur, wenn wir mit den anderen Flächen sicher genug Futter für die Tiere haben und hier nichts schiefgehen kann", erzählt Johanna.

Kathi Vogel (Jahr der Biobäuerinnen) zu Besuch bei Josef und Johanna Haselmann: Ein Alltag zwischen Stall, Feld und Familienleben.
Wasser aus!
Vor wenigen Wochen ist am Hof das Wasser ausgegangen. Mitten in der Hitzewelle. Acht Kubikliter pro Woche müssen sie nun von der Gemeinde zukaufen. Die Milchkühe trinken über 100 Liter am Tag. Melkstand, Melkgeschirr, Tank müssen täglich gereinigt werden und brauchen zusätzlich Wasser. Duschen? Kurz. Und nicht warten, bis das Wasser warm ist. Geschirrspüler? Nur voll. Wäsche? Bei Johannas Mama.
Das ist die Realität, die man nicht sieht, wenn man ein Glas Milch trinkt oder ein Stück Butter aufs Brot streicht. Es ist nicht nur ein Lebensmittel. Es ist ein Stück mit Bedacht gelebtes Leben. Und Teil seines Wertes.
Einblicke statt Argumente
Johanna teilt ihren Alltag auf Instagram unter @biohof.haselmann. Unperfekt, unpoliert, grundehrlich. Sie zeigt Fehlversuche. Sie zeigt Lernwege. Sie zeigt, dass Landwirtschaft viel Arbeit ist. Und Bio-Landwirtschaft besonders viel Arbeit ist. Warum? "Viele Konsument:innen haben den Bezug zur Landwirtschaft verloren. Sie wissen nicht mehr, wo unser Essen herkommt, wie das alles funktioniert, was alles dahintersteht." Wertschätzung entsteht nicht durch Argumente – sondern durch Einblicke.

Johannas Wunsch an die Gastronomie
Wenn ein Bio-Produkt ein paar Euro mehr kostet, dann nicht, weil jemand reich werden will. Sondern weil jemand Verantwortung übernimmt: Für Boden. Für Tiere. Für Klima. Für Generationen.
"In der Bio-Landwirtschaft geben Menschen wirklich alles dafür, dass alles läuft und wir gute Lebensmittel haben. Und das seit Generationen. Und für Generationen".
Und vielleicht schmeckt man das – wenn man es weiß.


Unsere "BIO-HOFTOUREN mit Kathi & Dani" sind Teil der NaHtürlichBIO-Kampagne 2026 "Jahr der Biobäuerin".
Sie macht sichtbar, was Frauen in der Bio-Landwirtschaft leisten und im Alltag oft übersehen wird: nicht nur die Care-Arbeit, sondern auch ihr Beitrag für Ernährungssicherheit und Klimaschutz.

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